Feeds:
Artikel
Kommentare

Eine schöne, anstrengend und inspirative Zeit in Berlin geht zu Ende. Wir waren viel im Theater, haben mehr schlechte als gute Produktionen gesehen und treten mit ein wenig Wehmut aber genauso viel Vorfreude den geordneten Rückzug an. In den Westen! Morgen werde ich zum Abschluss noch die Hauptversammlung von Daimler in der Berliner Messe besuchen.

Rimini Protokoll und die Hauptversammlung. Ich bin gespannt, was dort passieren wird. Meinen Bericht wird es in der Mai-Ausgabe von Theater der Zeit zu lesen geben.

Haben sie sich schon mal die Frage gestellt, woher sie kommen, wer sie sind, wie weit ihre Geschichte zurückreicht? Ich meine nicht die Geschichte ihres selbst sondern die Geschichte ihrer Gene. Diese Fragen stellten sich auch Rimini Protokoll, im speziellen Helgard Haug und Daniel Wetzel in Black Tie.

Dass sich kulturelle und biologische Identität nahezu unabhängig voneinander entwickeln, ist keine Neuerung und gerade durch für die deutsche Fussballnationalmanschaft spielende Asamoahs und Özils hat sich das Bild biologischer Identität radikal gewandelt. Um deutsch zu sein muss man nicht deutsch aussehen! Einen ähnlichen Fall stellt Miriam Stein dar. Aufgewachsen in Osnabrück in einer Kleinfamilie ist sie heute weitgereiste Musikjournalistin, die nach eigener Aussage mit unzähligen Popstars in einem Raum gewesen ist, außer mit David Bowie. Stein ist dem Aussehen nach Südkoreanerin.

Im Jahre 1977 wurde sie von ihren Eltern aus der asiatischen Republik adoptiert und wuchs im geteilten Deutschland auf. Der Transfer von Säuglingen in das westliche Ausland war Ende der achtziger Jahre eine durchaus gängige Praxis. Vielen denen es genau so ging wie Park Yung Min, ihr koreanischer Name, berichten von einem gleichen Schicksal. Aufgefunden auf der Treppe des seoulischen Rathaus, kommen die Babys in Waisenhäuser von wo aus sie verschifft werden. Laut eigener Recherche ist dies jedoch ein Ammenmärchen, welches den Kindern erzählt wurde. Parks eigentlicher Herkunftsort ist ein 2,5 Millionen Einwohner großes „Dorf“ 3 Stunden von Seoul entfernt.

Die Osnabrückerin machte sich 2006 auf die Suche nach ihren leiblichen Eltern. Sie fuhr nach Südkroea in der Hoffnung ihre Eltern auf offener Straße zu treffen, vermied es in eine populäre TV-Show zu gehen, in der Eltern und Kinder zusammengeführt werden und schickte Speichelproben nach Kalifornien um herauszufinden in welcher Region dieser Welt Menschen, die genetisch ähnlich gestrickt sind, leben. Sämtliche Schritte werden auf der Bühne in visuell (Fotos, Film, Aktenmaterial) nachvollziehbarer Form veröffentlicht. Die Szenerie begleitet der Musiker Ludwig mit seichten Indiesounds und gibt dem dokumentarischen Stil die nötige Atmosphäre. Den ganzen Abend warte ich auf den großen Clou. Der scheint gekommen, als eine zweite Person (Hye-Jin Choi ) die Bühne erklimmt. Möglicherweise die wiedergefundene Schwester? Nein, Hye lebt seit 8 Jahren in Deutschland, war Austauschstudentin und sucht im Moment nach einem Job. Sie berichtet aus Südkorea, übersetzt Passagen und tanzt mit Miriam den Fluglotsentanz. Am Ende des Abends frage ich mich, warum sie noch dazukommen musste.

Rimini Protokoll arbeitet mal wieder mit sämtlichen Mitteln der modernen Computertechnik. Dokumente werden auf die Leinwand gescannt, Videoclips eingespielt und mittels Handsensor können Fotos hin und hergeschoben werden. Das ganze findet auf dem ausgedruckten Genom der dreißigjährigen statt. Hier und dort sind kleine Punkte markiert, die anzeigen, dass sich an diesen Stellen Mutationen befinden oder ein entscheidendes Unterscheidungsmerkmal von Bono besteht. Ein Puzzle aus koreanischer Geschichte, individueller Repliken und fein recherchiertem Material findet seine Präsentation auf der Bühne des Hebbel am Ufer. Allerdings werde ich das Gefühl nicht los, dass sich die Protokollanten von der Geschichte der osnabrücker Koreanerin mehr erhofft haben als den Beweis, dass Bono nahezu die gleichen Chromosome hat wie Miriam Stein.

Es gibt doch so einiges zu entdecken.

Ein Sonntagsausflug in den Treptower Park hat uns staunen lassen. Ein Riesenrad, umgefallene Dinosaurier, herumstreunende Hunde. Nach kurzer Rechere war klar:  dies ist der ehemalige Spreepark, der seit 2001 brach liegt und verrottet. Im Mai wir der Film „Achterbahn“ von Peter Dörfler in die Kinos kommen. Eine Geschichte über den ehemaligen Geschäftsführer der Spree Park GmbH, der Deutschland mit einigen Attraktionen eingepackt  in Container in Richtung Peru verließ und nun zurückkehrt.

Ich bin gespannt!

Spree Park Berlin

Am letzten Wochenende haben wir zwei imposante Theaterabende erlebt. Zwei Schwergewichte der deutschen Theaterszene haben sich auf die Bühne gestellt und jeweils einen 80 minütigen Monolog präsentiert. In den Kammerspielen des DT stand Samuel Finzi, seineszeichen vielbesetzer Schauspieler in Deutschland und Entfant Terrible der bulgarischen Filmszene, als König von Spanien im „Tagebuch eines Wahnsinnigen“ von Nikolai Gogol auf den Brettern. Ähnlich imposant lässt sich die Vita von Joseph Bierbichler lesen. Zu sehen in vielzähligen deutschen Filmen und eben als monologisierender Perfomancekünstler an der Schaubühne im Stück „Holzschlachten – Ein Stück Arbeit“.

Finzi: Es geht um einen Beamten. Einen der zahllosen. Einen, der an seinem Tisch sitzt, möglicherweise auf einer der vielen Stuben, deren Hauptziel die sinnlose Beschäftigung von Menschmaterial ist, Zwanzig Bleistifte spitzt, notiert, anwesend ist. Heute würde man wohl bei all der Stupidität und der Langeweile in sinnloses Internetsurfen verfallen. Über diese, mitunter gar sinnstiftende Art der Beschäftigung, verfügte vor mehr als hundert Jahren der Gogolsche Beamte noch nicht. Doch plötzlich wird ihm klar, dass dieses Leben, wie er es lebt, keinesfalls seiner Stellung angemessen ist. Behandelt man so den spanischen Trohnfolger? Langsam beginnt er zu begreifen, dass der Zeitpunkt gekommen ist, an dem die Unterschrift nicht mehr an des Adjutanten Stelle zu setzen ist, sondern dort wo es gebührt: rechts unten, dort wo der Chef seinen Otto hinsetzt.

Hanna Rudolph hat gemeinsam mit Finzi einen zutiefst traurigen und doch hoffnungsvollen Staatsdiener kreiirt. Kleine Szenen des Ausbruchs aus den bewehrten Mustern hat sie versteckt in der simplen Inszenierung, deren Bühnenbild nur aus gestapelten Holzscheiten und einem schwarzen Stuhl besteht. Das Entrücken aus dem normalen Tagesablauf und den vorgezeichneten Strukturen sind fein akzentuiert und an keiner Stelle hatte ich das Gefühl, dass hier das Bild eines Wahnsinnigen konstruiert und behauptet wird. Zwar fegt Finzi über die Bühne, räumt den mühsam aufgeschichteten Stapel Holz ab und verteilt ihn auf dem Boden oder klettert die von der „normalen“ Welt separierende Wand hinauf. Der Wahnsinn ist nur in der Sprache zu finden, in der selbstbewussten Behauptung seiner Lebensgeschichte. Finzi gibt den Text ohne Pathos und ohne die Absicht das zu sein, was er erzählt.
Als er die Anstalt erreicht hat, kann er sich der unschicklichen Behandlung des Kanzlers, der ihn mit Stockhieben züchtigt, nicht den Respekt finden, der ihm gegenüber angemessen wäre. Absurd! Diese Leben!

Ähnlich verrückt begibt sich Joseph Bierbichler ins „Holzschlachten“. Er sitzt auf der Bühne in einem bequemen Sessel, nippt ab und zu an einem Weizenbier und erzählt in Großvatermanier seine Geschichte. Die Geschichte des SS-Arztes Hans Münch. Tagebuchaufzeichnungen, die als Rechtfertigungen und Legitimationsinstrument des eigenen Handelns in Auschwitz zu lesen sind. Er gibt einen Mann, der von Verantwortung, von einer medizinischen Notwendigkeit und fehlender Reue spricht. Ganz ruhig und gelassen mimt Bierbichler diese Figur. Sein bayrischer Akzent unterstreicht die egomanische und augenverschließende Art einiger Zeitgenossen.

Im zweiten Teil des Abends begibt sich der Protagonist in den Wald. Hier wird eine andere Seite des Verbrechers, nämlich der zugrunde gehende Auschwitz-Akteur gezeigt. Ein alter einsamer Mann, der alleine im Wald lebt und nach Geprächspartnern sucht. Er muss erzählen, dass Menschen neben seinem Kopf stehen, während er schläft, er muss sagen können, dass er das Opfer ist und nicht die anderen. Doch keiner hört ihm zu, der telefonische Gesprächspartner nabelt sich ab und verschwindet. Währenddessen hackt er Holz. Stupide, einfach, einsam.

Bierbichler bringt etwas fertig, was in vielen Teilen der Geschichtsbewältigung zu selten passiert. Er akzentuiert den Täter, nähert sich dem Unfassbaren und macht es durch sich selbst fassbar. Es könnte jeder sein, der dort im Sessel sitzt und Bier trinkt, während er erzählt. Einer von tausenden, die noch unter uns Leben und ein ganzes Leben lang geschwiegen haben. Zu der Zeit zwischen 1933 und 1945.

Musiktheater an der Volksbühne. Am Sonntag (22.02.) gastierte das schauspielhannover mit seiner Produktion „Lulu“ in der Hauptstadt. Der Andrang ist nicht zu verkennen: Zwei Tage ist Folge war das Gastspiel bis auf den letzten Platz ausverkauft und am Ende jubelt das Publikum. Ich muss mich mit Jubeleien zurückhalten, dem ganzen Abend jedoch Respekt zollen.

Der Regisseur David Marton hat das Schauspiel „Lulu“ von Wedekind mit der gleichnamigen Oper von Alban Berg auf skurile und manchmal langatmige Weise, miteinander verknüpft. Das spannendste an diesem Abend ist die vielschichtige Darstellung der einzelnen Personen. Lulu wird gleich von drei Frauen in Szene gesetzt. Den schauspielerischen Part übernimmt Lilith Stangenberg, Jelena Kuljic gibt der Gefallenen die Jazzstimme und Yuka Yanagihara interpretiert den Opernpart. So wechseln sich die drei Frauen in ihrer Rolle ab, mal wird gesungen, mal gesprochen und mal einfach nur geknutscht. Ebenso verfährt der Regisseur mit den Hauptdarstellern, die mal der Vater, mal der Verlobte und mal der Liebhaber sind. Der Geschichte zu folgen bleibt bei der Verschachtelung des Plots und dem wechselnden Einsatz des Erzählinstrumentariums erweckend und erhellend.

Die gesamte Geschichte spielt sich in einem offen Haus, mit einem durch roten Teppich akzentuierten Aufgang in das Nichts des Bühnenhimmels ab. (Bühne Alissa Kolbusch) Im vorderen Teil des Geschehniss sitzen die beiden Musiker, die am Piano (Jan Czajkowski) und dem Synthie (Sir Henry) das musikalische Bild prägen. Das gesamte Orchester wird von einem Laptop ausgebootet, woran die klangliche Vielfalt der bergschen Oper arg zu knabbern hat. Oberhalb des großen Raumes, der mal Tonstudio, mal Liebesnest und mal Straße ist, liegt die graue Kabine, in der sich sich die Darsteller immer wieder treffen. Von hier aus gibt der Aufnahmeleiter Anweisungen, wie gesungen werden muss oder Lulu ermordert in dreifacher Weise den Vater ihres Verlobten, mit dem sie ein Verhältnis hat.

Schwungvoll hecheln die Darsteller über die Bühne, rennen herum und lassen sich nur in ganz wenigen Momenten von Ruhe und Präzision inspirieren. Neben dem explosiven Mix aus Popgesang, Opernarien und Neuer Musik geht der Kern des Stückes verloren. Hier wird zwar eine Geschichte erzählt, doch im Mittelpunkt steht die rasanten Einfälle und Verknüpfungen von Musik und Schauspiel. An einigen Stellen gelingt dies nicht, nämlich immer genau dann, wenn ich mich nach Ruhe sehne um das Gesehene und Gehörte auf mich wirken zu lassen.

Ältere Artikel »