Am letzten Wochenende haben wir zwei imposante Theaterabende erlebt. Zwei Schwergewichte der deutschen Theaterszene haben sich auf die Bühne gestellt und jeweils einen 80 minütigen Monolog präsentiert. In den Kammerspielen des DT stand Samuel Finzi, seineszeichen vielbesetzer Schauspieler in Deutschland und Entfant Terrible der bulgarischen Filmszene, als König von Spanien im „Tagebuch eines Wahnsinnigen“ von Nikolai Gogol auf den Brettern. Ähnlich imposant lässt sich die Vita von Joseph Bierbichler lesen. Zu sehen in vielzähligen deutschen Filmen und eben als monologisierender Perfomancekünstler an der Schaubühne im Stück „Holzschlachten – Ein Stück Arbeit“.
Finzi: Es geht um einen Beamten. Einen der zahllosen. Einen, der an seinem Tisch sitzt, möglicherweise auf einer der vielen Stuben, deren Hauptziel die sinnlose Beschäftigung von Menschmaterial ist, Zwanzig Bleistifte spitzt, notiert, anwesend ist. Heute würde man wohl bei all der Stupidität und der Langeweile in sinnloses Internetsurfen verfallen. Über diese, mitunter gar sinnstiftende Art der Beschäftigung, verfügte vor mehr als hundert Jahren der Gogolsche Beamte noch nicht. Doch plötzlich wird ihm klar, dass dieses Leben, wie er es lebt, keinesfalls seiner Stellung angemessen ist. Behandelt man so den spanischen Trohnfolger? Langsam beginnt er zu begreifen, dass der Zeitpunkt gekommen ist, an dem die Unterschrift nicht mehr an des Adjutanten Stelle zu setzen ist, sondern dort wo es gebührt: rechts unten, dort wo der Chef seinen Otto hinsetzt.
Hanna Rudolph hat gemeinsam mit Finzi einen zutiefst traurigen und doch hoffnungsvollen Staatsdiener kreiirt. Kleine Szenen des Ausbruchs aus den bewehrten Mustern hat sie versteckt in der simplen Inszenierung, deren Bühnenbild nur aus gestapelten Holzscheiten und einem schwarzen Stuhl besteht. Das Entrücken aus dem normalen Tagesablauf und den vorgezeichneten Strukturen sind fein akzentuiert und an keiner Stelle hatte ich das Gefühl, dass hier das Bild eines Wahnsinnigen konstruiert und behauptet wird. Zwar fegt Finzi über die Bühne, räumt den mühsam aufgeschichteten Stapel Holz ab und verteilt ihn auf dem Boden oder klettert die von der „normalen“ Welt separierende Wand hinauf. Der Wahnsinn ist nur in der Sprache zu finden, in der selbstbewussten Behauptung seiner Lebensgeschichte. Finzi gibt den Text ohne Pathos und ohne die Absicht das zu sein, was er erzählt.
Als er die Anstalt erreicht hat, kann er sich der unschicklichen Behandlung des Kanzlers, der ihn mit Stockhieben züchtigt, nicht den Respekt finden, der ihm gegenüber angemessen wäre. Absurd! Diese Leben!
Ähnlich verrückt begibt sich Joseph Bierbichler ins „Holzschlachten“. Er sitzt auf der Bühne in einem bequemen Sessel, nippt ab und zu an einem Weizenbier und erzählt in Großvatermanier seine Geschichte. Die Geschichte des SS-Arztes Hans Münch. Tagebuchaufzeichnungen, die als Rechtfertigungen und Legitimationsinstrument des eigenen Handelns in Auschwitz zu lesen sind. Er gibt einen Mann, der von Verantwortung, von einer medizinischen Notwendigkeit und fehlender Reue spricht. Ganz ruhig und gelassen mimt Bierbichler diese Figur. Sein bayrischer Akzent unterstreicht die egomanische und augenverschließende Art einiger Zeitgenossen.
Im zweiten Teil des Abends begibt sich der Protagonist in den Wald. Hier wird eine andere Seite des Verbrechers, nämlich der zugrunde gehende Auschwitz-Akteur gezeigt. Ein alter einsamer Mann, der alleine im Wald lebt und nach Geprächspartnern sucht. Er muss erzählen, dass Menschen neben seinem Kopf stehen, während er schläft, er muss sagen können, dass er das Opfer ist und nicht die anderen. Doch keiner hört ihm zu, der telefonische Gesprächspartner nabelt sich ab und verschwindet. Währenddessen hackt er Holz. Stupide, einfach, einsam.
Bierbichler bringt etwas fertig, was in vielen Teilen der Geschichtsbewältigung zu selten passiert. Er akzentuiert den Täter, nähert sich dem Unfassbaren und macht es durch sich selbst fassbar. Es könnte jeder sein, der dort im Sessel sitzt und Bier trinkt, während er erzählt. Einer von tausenden, die noch unter uns Leben und ein ganzes Leben lang geschwiegen haben. Zu der Zeit zwischen 1933 und 1945.