Haben sie sich schon mal die Frage gestellt, woher sie kommen, wer sie sind, wie weit ihre Geschichte zurückreicht? Ich meine nicht die Geschichte ihres selbst sondern die Geschichte ihrer Gene. Diese Fragen stellten sich auch Rimini Protokoll, im speziellen Helgard Haug und Daniel Wetzel in Black Tie.
Dass sich kulturelle und biologische Identität nahezu unabhängig voneinander entwickeln, ist keine Neuerung und gerade durch für die deutsche Fussballnationalmanschaft spielende Asamoahs und Özils hat sich das Bild biologischer Identität radikal gewandelt. Um deutsch zu sein muss man nicht deutsch aussehen! Einen ähnlichen Fall stellt Miriam Stein dar. Aufgewachsen in Osnabrück in einer Kleinfamilie ist sie heute weitgereiste Musikjournalistin, die nach eigener Aussage mit unzähligen Popstars in einem Raum gewesen ist, außer mit David Bowie. Stein ist dem Aussehen nach Südkoreanerin.
Im Jahre 1977 wurde sie von ihren Eltern aus der asiatischen Republik adoptiert und wuchs im geteilten Deutschland auf. Der Transfer von Säuglingen in das westliche Ausland war Ende der achtziger Jahre eine durchaus gängige Praxis. Vielen denen es genau so ging wie Park Yung Min, ihr koreanischer Name, berichten von einem gleichen Schicksal. Aufgefunden auf der Treppe des seoulischen Rathaus, kommen die Babys in Waisenhäuser von wo aus sie verschifft werden. Laut eigener Recherche ist dies jedoch ein Ammenmärchen, welches den Kindern erzählt wurde. Parks eigentlicher Herkunftsort ist ein 2,5 Millionen Einwohner großes „Dorf“ 3 Stunden von Seoul entfernt.
Die Osnabrückerin machte sich 2006 auf die Suche nach ihren leiblichen Eltern. Sie fuhr nach Südkroea in der Hoffnung ihre Eltern auf offener Straße zu treffen, vermied es in eine populäre TV-Show zu gehen, in der Eltern und Kinder zusammengeführt werden und schickte Speichelproben nach Kalifornien um herauszufinden in welcher Region dieser Welt Menschen, die genetisch ähnlich gestrickt sind, leben. Sämtliche Schritte werden auf der Bühne in visuell (Fotos, Film, Aktenmaterial) nachvollziehbarer Form veröffentlicht. Die Szenerie begleitet der Musiker Ludwig mit seichten Indiesounds und gibt dem dokumentarischen Stil die nötige Atmosphäre. Den ganzen Abend warte ich auf den großen Clou. Der scheint gekommen, als eine zweite Person (Hye-Jin Choi ) die Bühne erklimmt. Möglicherweise die wiedergefundene Schwester? Nein, Hye lebt seit 8 Jahren in Deutschland, war Austauschstudentin und sucht im Moment nach einem Job. Sie berichtet aus Südkorea, übersetzt Passagen und tanzt mit Miriam den Fluglotsentanz. Am Ende des Abends frage ich mich, warum sie noch dazukommen musste.
Rimini Protokoll arbeitet mal wieder mit sämtlichen Mitteln der modernen Computertechnik. Dokumente werden auf die Leinwand gescannt, Videoclips eingespielt und mittels Handsensor können Fotos hin und hergeschoben werden. Das ganze findet auf dem ausgedruckten Genom der dreißigjährigen statt. Hier und dort sind kleine Punkte markiert, die anzeigen, dass sich an diesen Stellen Mutationen befinden oder ein entscheidendes Unterscheidungsmerkmal von Bono besteht. Ein Puzzle aus koreanischer Geschichte, individueller Repliken und fein recherchiertem Material findet seine Präsentation auf der Bühne des Hebbel am Ufer. Allerdings werde ich das Gefühl nicht los, dass sich die Protokollanten von der Geschichte der osnabrücker Koreanerin mehr erhofft haben als den Beweis, dass Bono nahezu die gleichen Chromosome hat wie Miriam Stein.